Femizide und Gewalt gegen Frauen sind keine Seltenheit. Bedauerlicherweise auch heute nicht.

Es stellte sich sogar heraus, Probleme wie diese wurden durch den Lockdown und das ständige Zuhausesein enorm verstärkt.

Diese Entwicklung machte sich auch der Regisseur Amir Reza Koohestani am Deutschen Theater in Berlin zu eigen, indem er die Idee Büchners „Woyzeck“ in die Moderne überträgt und künstlerisch wie auch kreativ einzelne Elemente daraus mit der Situation des aktuell allgegenwärtigen Lockdowns verknüpft.

Die Figuren des Woyzecks, in „Woyzeck Interrupted“ nur Franz, sowie der Marie leben gezwungenermaßen auch nach ihrer Trennung gemeinsam in Franz‘ Wohnung, da Marie sich keine eigene Wohnung leisten kann. Die beiden lernten sich als Schauspieler im Theater zur „Woyzeck“-Inszenierung Büchners kennen.

Anders als im Original-Werk ist die Figur des Woyzecks also kein gesellschaftlicher Verlierer seiner Zeit, sondern hat einen anerkannten Beruf sowie eine moderne Wohnung.

Durch das Aufeinandersitzen der beiden Protagonisten entsteht schnell eine toxische Beziehung zwischen ihnen, die vor allem aus Franz‘ Kontroll- und Machtproblemen entsteht.

Sie kommen sich immer wieder nahe und schaffen es nicht sich endgültig zu trennen.

Verstärkt wird die Problematik durch die heimliche Abtreibung Maries, von der diese Franz nichts erzählt hat.

Die Eifersucht Franz‘ gegenüber Marie wächst und wird für Marie zunehmend zur Bedrohung: er kontrolliert sie, fasst sie ungewollt an und hat dabei seine Psyche immer weniger im Griff.

Durch moderne Sprache wirkt das Stück realitätsnah, behält aber durch gezielten Einsatz echter Woyzeck-Zitate seine Glaubwürdigkeit.

Das Theaterstück wurde im Dezember letzten Jahres erstmals aus dem Deutschen Theater in Berlin ausgestrahlt. Übersetzt wurde das Stück von Mahin Sadri, die sich auch maßgeblich an der Bühnenbildgestaltung beteiligt hat.

Nachdem das Publikum aus Corona-Gründen nicht vor Ort sein konnte, hatte man sich zur Gestaltung des Bühnenbilds und der dramaturgischen Mittel andere Wege einfallen lassen.

Durch die Linse mehrerer Kameras, Überlappungen von Projektierungen, dem Spiel mit Licht-Effekten sowie kurze Einblendungen wirkt der Stream optisch ansprechend, jedoch wird den Zuschauern gleichzeitig die Wahrnehmung des Dargestellten erschwert. Das präsente Thema der Femizide wird durch kurze Durchsagen realer Übergriffe und Bilder dramatisch und durchdringend dargestellt.

Das neue Konzept des Woyzeck-Stoffes lässt die Zuschauer durch einen offenen Schluss verloren zurück. Durch verschiedene mögliche Ausgänge der Geschichte bleiben bei den Zuschauern viele Fragen offen und es bleibt dadurch viel Raum zur Interpretation: wie genau die Geschichte der modernen Marie und des modernen Franz also ausgeht, wird nicht geklärt.

Fehlende Distanz, wenige soziale Kontakte, finanzielle Schwierigkeiten und häusliche Gewalt: „Woyzeck Interrupted“ gelingt eine Fokussierung auf aktuelle Krisen bei gleichzeitig sichtbaren Parallelen zum Original-Werk und dessen Historik.

(von Brandl Emily, Gaillinger Ramona, Haslinger Lisbeth, Plank Laura)

Diese Rezension entstand im Rahmen des Deutsch-Unterrichts, wobei die Schülerinnen und Schüler der Q11 die Online-Aufführung „Woyzeck Interrupted“ des Jungen Deutschen Theaters Berlin anschauten. Im Anschluss an den virtuellen Theaterbesuch standen die Dramaturgin Sima Djabar Zadegan und der Darsteller Enno Trebs anlässlich eines Werkstattgesprächs Rede und Antwort, um mögliche interpretatorische Rückfragen zu klären.